Leserbrief zu Migranten und Sprachproblemen:

das kann ich absolut aus dem Alltag meiner Frau in der Hausarztpraxis bestätigen: nahezu täglich berichtet sie davon, wie verunsichert vor allem die Generation der Älteren und Kranken, also höher priorisierten Patienten ist. Nicht selten sind die Leute einfach, haben ein Leben lang bei der Müllabfuhr oder als Lagerarbeiter gearbeitet und sind entsprechend kaputt, beherrschen eigentlich nur fürs Nötigste die deutsche Sprache und sind schon fertig, wenn die Krankenkasse sie mal zur Prüfung der Arbeitsfähigkeit um Stellungnahme 'bittet'. Wenn keins der Kinder oder Enkelkinder mitkommt, läuft die Kommunikation mit Händen und Füßen oder in babylonischem Sprachwirrwar um zu klären ob a.) sie jetzt wirklich geimpft werden müssen und b.) welche Folgen das auf ihre Arbeit hat... Die über die Labormedizin hinausgehenden medizinischen Fragen nach z.B. die Blutgerinnung betreffende Vorerkrankungen, einer besonderen allergischen Disposition oder genetischer Vorbelastung laufen dann wie beschrieben.

Wisst ihr, das ist eine Frage, die mich schon seit Jahren beschäftigt. Wieso lernen die nicht Deutsch, wenn sie hier wohnen? Wieso ziehen die in ein Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen? Die Standardreaktion ist: Also ICH würde ja nie in ein Land gehen, in dem ich mich nicht verständigen kann. Also müssen die irgendwie komisch sein.

Und das ist der Punkt, an dem einem einfach die Empathie fehlt, glaube ich. Das war nicht "die sind halt ein bisschen komisch" sondern das war Verzweiflung. Die sind ja nicht hergezogen, weil sie Deutschland so großartig fanden, sondern weil sie dachten, sie müssen herziehen, sonst können sie ihre Familie nicht ernähren.

Der Grund, wieso ich nicht in ein Land ziehen würde, in dem ich mich nicht verständigen kann, ist ja nicht um dem Land da nicht zur Last zu fallen, sondern aus Eigennutz. Weil das ein Haufen Stress wäre, dem ich mich nicht aussetzen will.

Nehmt doch einfach mal an, dass das bei denen genau so ist.

Bleibt die Frage, wenn sie denn einmal hier sind, wieso sie hier nicht Deutsch aufschnappen.

Da hab ich natürlich auch erstmal das Bild im Kopf, wie das bei mir wäre. Ich ziehe irgendwo hin und bin dann als einziger Ausländer in einem Team von Ortsansässigen, die in ihrer Muttersprache reden. NATÜRLICH lerne ich dann die Ortssprache früher oder später.

Aber schon in der Tech-Branche sieht man, wieso das nicht funktioniert. Ich komma ja viel bei Firmen rum mit meiner Arbeit, und das übliche Muster ist eben nicht: Wir reden hier alle Deutsch, damit der Rumäne im Team auch Deutsch mitnimmt. Das Muster ist: Wir haben jemanden im Team, der nicht Deutsch kann? Dann reden wir Englisch miteinander.

Der Effekt ist, dass das mit dem Deutsch-Lernen ewig dauert bis nie stattfindet.

Bei den türkischen Gastarbeitern war das so ähnlich, nur dass halt das ganze Team dann als anderen türkischen Gastarbeitern bestand. Wieso würde in der Situation jemand Deutsch aufschnappen?

5/1/2021